News

HP auf der Formnext 2021: Wie MJF in die industrielle Serienfertigung rückt — im Gespräch mit Raffi Beglarian

Lena Richter 815 Wörter
HP auf der Formnext 2021: Wie MJF in die industrielle Serienfertigung rückt — im Gespräch mit Raffi Beglarian
Inhaltsverzeichnis

Was HP zeigen wollte — und warum das Sie betrifft

Auf der Formnext 2021 in Frankfurt positionierte HP Multi Jet Fusion als eine ernstzunehmende Option für industrielle Serienfertigung, nicht nur für Prototypen. In unserem Gespräch mit Raffi Beglarian, Regional Manager 3D bei HP, ging es weniger um Produktmarketing als um die Frage, wann 3D‑Druck in der Produktion wirklich Bestand hat. Wie gelingt der Sprung vom Machbarkeitsnachweis zu stabilen Serienprozessen?

Raffi Beglarian sagte wörtlich: "Der Weg in die Serienfertigung erfordert definierte Toleranzen, lückenlose Daten und eine robuste Automatisierung." (Formnext 2021, Gespräch mit Raffi Beglarian).

Beide Themen – stabile Prozesse und automatisierte Abläufe – standen im Fokus der gezeigten Lösungen: HP präsentierte Live‑Demos von MJF‑Systemen, Konzepte für eine automatisierte Entnahme sowie eine Factory‑Floor‑Umgebung, die Druck, Nachbearbeitung und Qualitätssicherung eng verbindet. Die Kernbotschaft: Mit den richtigen Prozessdaten, qualifizierten Materialien und einer durchgängigen Automatisierung lässt sich die Serienfertigung in die Praxis übertragen.

Beglarian ergänzte: "MJF ist nicht mehr nur eine Prototypentechnologie; es geht darum, Teile in Serienqualität zu fertigen und die Kosten bei größeren Losgrößen zu senken – wenn die Abläufe sauber definiert sind." (Formnext 2021, Interview mit Raffi Beglarian).

Nahaufnahme mehrerer technischer Bauteile, die mit MJF gefertigt wurden, unterschiedliche Farben und strukturierte Oberflächen sichtbar

Prozessstabilität statt Machbarkeitsnachweis

Der zentrale Wandel ist die Orientierung an stabilen, reproduzierbaren Prozessen mit klar definierten Toleranzen. Wenn Sie als Entscheider eine Investition prüfen, richten Sie Ihren Blick auf Prüfmethoden, Wiederholgenauigkeit und die Prozessfähigkeit (Cp/Cpk). Die Messdaten sollten idealerweise aus Serienläufen stammen, nicht nur aus Laborversuchen.

Konkrete Fragestellungen, die Sie klären sollten, bevor Sie loslegen: Welche Toleranzen lassen sich über 1.000, 5.000 oder 10.000 Teile halten? Welche Ausschussraten treten unter Automatisierung auf? Welche Prüftools (CT, optische Messtechnik, Inline‑Sensorik) sind integriert oder integrierbar? Nur wenn Sie Zahlen vorweisen können, lassen sich ROI und Risikobewertung nachvollziehen.

Automatisierte Auspackstation auf dem Messeboden mit Robotik-Elementen und Fördertechnik

Branchenfokus: Healthcare, Automotive, Electronics, Allgemeine Industrie

HP identifiziert Healthcare, Automotive, Electronics und allgemeine Industrieanwendungen als zentrale Einsatzgebiete für MJF. Die Stärken der Technik – gute mechanische Eigenschaften, homogene Oberflächen und hohe Detailauflösung – passen zu Anwendungen mit komplexen Geometrien, individuellen Bauteilen oder schnellen Lieferungen.

Beispiele aus Fallstudien (HP‑Fachartikel und Unterlagen) zeigen typischerweise Folgendes:

  • Healthcare: Patientenspezifische Halterungen, Prothesenkomponenten oder chirurgische Planungsmodelle. Hier zählt die Nachweisführung von Material‑ und Zertifikaten gemäß relevanter Normen (ISO 13485, FDA‑Anforderungen in passenden Märkten).
  • Automotive: Funktionale Prototypen, Ersatzteile on‑demand und komplexe Montagesysteme, bei denen Reproduzierbarkeit und Temperaturstabilität entscheidend sind.
  • Electronics: Gehäuse und Strukturen mit hohen Detailanforderungen und festen Toleranzen.
  • Allgemeine Industrie: Werkzeughalter, Vorrichtungen und Funktionsbauteile mit mittleren Stückzahlen.

Hinweis: Für konkrete Kundenbeispiele verweisen wir auf HP‑Fallstudien aus dem Messe‑ und Forschungs‑Kontext. Dort finden Sie detaillierte Lose‑zu‑Serien‑Fälle mit Stückzahlen, Laufzeiten und Zertifizierungen.

Raffi Beglarian im Gespräch auf der Messe, wird beim Erklären eines Bauteils gezeigt

Lieferkettensicherheit als Treiber

Resiliente Lieferketten gewinnen an Bedeutung. Additive Fertigung ermöglicht es, Engpässe zu umgehen, Lagerbestände zu optimieren und Lieferungen näher an den Endmarkt zu bringen. HP positioniert MJF als Technologie, die kurzfristig Kapazitäten schafft und langfristig Unabhängigkeit von traditionellen Lieferketten unterstützen kann – sofern Materialverfügbarkeit, Service‑Netzwerke und Ersatzteile zuverlässig funktionieren.

Wichtige Faktoren sind hier: Pulverbeschaffung, Rollen‑ und Ersatzteilverfügbarkeit sowie ein gut organisiertes Service‑Netzwerk, das auch Nachbearbeitungsequipment und Qualitätsprüfungen abdeckt. Für Ihre Planung bedeutet das: Verfügbarkeit von Pulvertypen, kompatiblen Nachbearbeitungsprozessen und sinnvoll vernetzte Softwarelösungen zur Rückverfolgbarkeit.

Was fehlt noch — und welche Fragen bleiben offen?

Die Messe zeigt Ambitionen und Realismus, aber eine fundierte Investitionsentscheidung braucht klare, belegbare Daten. Fragen, die Sie Händler oder Anbieter stellen sollten:

  • Welche Leistungsdaten sichern Sie unter Serienbedingungen (Durchsatz pro Schicht, Nachbearbeitungszeit pro Teil)?
  • Welche realen Toleranzen lassen sich über größere Chargen garantieren?
  • Wie hoch ist der Ausschuss bei automatisierten Abläufen, und wie wird er reduziert?
  • Welche Prüfverfahren sind integriert oder leicht integrierbar (CT, optische Messtechnik, Inline‑Sensorik)?
  • Welche Lebenszykluskosten ergeben sich inklusive Nachbearbeitung, Arbeitszeit, Materialverlusten und Energie?
  • Welche Materialzertifizierungen liegen vor (ISO 10993, RoHS, REACH, Healthcare‑relevante Standards) und wie lassen sich Audit‑Anforderungen erfüllen?

Hinweis zu gewählten Zahlen: Aussagen wie kumulative MJF‑Teile oder ISO/ANSI IT‑Grade sollten durch offizielle Quellen belegt werden. Wir empfehlen Ihnen, HP‑Unterlagen oder unabhängige Tests zu Rate zu ziehen, bevor Sie diese Werte in Ihre Investitionsrechnung aufnehmen.

Topology-optimiertes Bauteil neben einem konturnahen Vergleichsteil, Blick auf komplexe innere Strukturen

Fazit: Serienreife braucht belastbare Daten

Was bleibt, ist die klare Tendenz: MJF macht Fortschritte in Richtung Serienfertigung. Automatisierung, Prozessstabilität und ein breiteres Anwendungsspektrum sind zentrale Ziele – doch die Entscheidung, ob MJF in Ihrem Produktionsmix sinnvoll ist, hängt von belastbaren, seriösen Daten ab: Toleranzsicherheit über Chargen, Lebenszykluskosten, Zulassungsanforderungen (insbesondere Healthcare) und aussagekräftige Referenzen.

Wenn Sie mögen, unterstützen wir Sie bei den nächsten Planungsschritten:
- technische Checkliste zur Bewertung von MJF‑Anlagen,
- eine Wirtschaftlichkeitsvorschau (TCO) für typische Bauteile,
- und eine Interviewserie mit Anwendern, die konkrete Produktionsdaten und Erfahrungen teilen.

{{image:Endnote: Hinweise zu nächsten Schritten – Checkliste, ROI-Modelle, Anwenderinterviews}}

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der oder die erste!

Kommentar hinterlassen

Dein Kommentar erscheint nach kurzer Prüfung. E-Mail wird nicht öffentlich angezeigt.

Verwandte Artikel

Timelapse im 3D-Druck: Linux-zentriert automatisieren mit Open-Source & Bash-Scripting

Ein praxisnaher Überblick über Timelapse-3D-Druck mit Linux, Automatisierung und Open-Source-Workflows, der Grundlagen, Hardware, Software und ein Praxisprojekt verbindet.

Elegoo Canvas für den Centauri Carbon: Mehrfarbdruck nachrüsten — Potenzial und offene Fragen

Elegoo hat ein Canvas‑Multicolor‑Kit für den Centauri Carbon angekündigt. Die Idee ist attraktiv, doch für Alltagstauglichkeit sind noch viele Fragen offen — besonders zu Firmware, Slicer‑Integration und tatsächlicher Funktionsweise. Für Experimentierfreudige spannend, für Anwender mit hohen Qualitäts‑ oder Temperaturanforderungen noch nichts zum uneingeschränkten Kauf.

Bambu Lab X2D startet in Europa: Dual‑Düse, AMS‑Combo und Abluftfilter im Praxisblick

Bambu Lab bringt den X2D nach Europa: ein geschlossener Desktop‑Drucker mit Dual‑Düse, optionalem AMS‑Modul und integriertem Abluftfilter. Wir fassen zusammen, was der X2D kann, welche Vorteile er im Alltag bietet und welche offenen Fragen (Filtration, KI‑Überwachung, Langzeitzuverlässigkeit) du vor dem Kauf prüfen solltest.

Vom Künstlerstudio zum Industriegiganten: Was die Übernahme von Jinxbot durch Peak Technology für die Elektronikfertigung bedeutet

Peak Technology übernimmt Jinxbot 3D Printing — eine Kombination aus 3D‑Druck‑Flexibilität und klassischer Subtraktivfertigung. Der Artikel erklärt, welche konkreten Vorteile und Herausforderungen sich für Elektronikentwickler ergeben und welche Fragen Sie jetzt stellen sollten.